Mit Schirm, Charme und Melone – zumindest im übertragenen Sinne – hielt Herr Willi Einzug in unser Tierheim. Und während andere Neuankömmlinge zunächst vorsichtig ihre Umgebung sondieren, widmete sich Willi offenbar einer weitaus dringlicheren Angelegenheit: der Speisekarte.
Denn für unseren distinguierten Herrn könnte eigentlich den ganzen Tag Tea-Time sein. Vorausgesetzt, es werden nicht nur Tee und gute Worte gereicht. Willis Liebe geht durch den Magen. Auf direktem Wege. Ohne Umleitung. Ohne Zwischenstopp. Jedoch durchaus wählerisch.
Dass er mit seinen 14 Jahren ein wenig auf seine Linie achten sollte, hält er vermutlich für eine völlig überflüssige Einmischung in seine persönlichen Angelegenheiten. Schließlich weiß man in diesem Alter, worauf es im Leben ankommt. Und Kalorienzählen gehört ganz sicher nicht dazu. Doch wer Willi auf seinen Appetit reduziert, unterschätzt den Herrn gewaltig. Freundlich, aufgeschlossen, neugierig und erstaunlich verspielt präsentiert sich unser Senior. Willi interessiert sich für seine Umgebung, für Menschen und für alles, was das Leben noch zu bieten hat. Ein älterer Herr vielleicht, aber ganz bestimmt keiner, der seine besten Tage schon hinter sich wähnt.
Und dabei hat Willi gerade einen gewaltigen Einschnitt erlebt. Seit seiner Kindheit lebte er bei einer älteren Dame. Vierzehn Jahre lang war er ihr Begleiter, ihr Mitbewohner, ihr Einzelprinz. Ein vertrautes Leben zwischen lieb gewonnenen Gewohnheiten und der Gewissheit, dazuzugehören. Doch seine Halterin ist schwer erkrankt. Und so verlor Willi das Zuhause, das er sein ganzes Leben lang kannte. Vierzehn Jahre war alles vertraut. Und plötzlich nichts mehr. Umso bemerkenswerter finden wir, mit welcher Offenheit Willi seiner neuen Situation begegnet. Kein verbitterter alter Herr, der mit der Welt abgeschlossen hat. Sondern einer, der sich umschaut, Kontakt sucht und offenbar beschlossen hat, dass man dem Leben auch mit vierzehn noch etwas abgewinnen kann. Wenngleich man ihm dennoch anmerkt, wie sehr ihm sein altes Leben fehlt.
Gesundheitlich bringt Willi ein paar altersbedingte Fragezeichen mit. Nach Angaben seiner bisherigen Halterin wurde bei ihm Arthrose diagnostiziert und monatlich das Medikament Solensia verabreicht. Ob diese Behandlung weiterhin erforderlich ist, lassen wir regelmäßig tierärztlich überprüfen. Auch seine Zähne sind inzwischen eher eine überschaubare Gesellschaft. Dem Appetit tut das allerdings keinen Abbruch. Und sein geriatrisches Blutprofil? Erfreulich unauffällig! Zumindest aus dieser Perspektive hat unser Herr Willi also keinen Anlass, sich älter zu fühlen, als er ohnehin ist.
Was ihm jetzt noch fehlt, ist ein neues Zuhause. Keines mit großem Trubel, ständig wechselnder Gesellschaft oder einem durchgetakteten Unterhaltungsprogramm. Willi kennt und schätzt das Leben als Wohnungskater und Einzelprinz. Ein gemütliches Plätzchen, ein bisschen frische Luft auf dem sicheren Balkonien, liebevolle Zuwendung, gelegentliche Spieleinheiten und ein verlässlich gefüllter Napf dürften ganz nach seinem Geschmack sein. Vor allem aber wünschen wir uns Menschen, die einem vierzehnjährigen Kater nicht vorrechnen, wie viele Jahre er vielleicht noch hat, sondern sich darauf freuen, wie schön diese Jahre werden könnten. Denn Willi hat sein Zuhause nicht verloren, weil er schwierig geworden ist. Nicht, weil er zu alt, zu krank oder zu anstrengend wäre. Sondern weil das Leben manchmal Entscheidungen trifft, auf die weder Mensch noch Tier Einfluss haben. Willi braucht kein Mitleid. Er braucht einen Menschen, der sich auf ihn freut. Einen Menschen, der nicht nur einen alten Kater sieht, sondern einen liebenswerten Charakterkopf mit besten Manieren, einer gehörigen Portion Lebensfreude und einer gewissen Schwäche für kulinarische Genüsse.
Mit Schirm, Charme und Melone kam er zu uns. Und mit etwas Glück zieht er bald wieder aus. Den Schirm und die Melone lassen wir gern an der Garderobe hängen. Den Charme bringt er mit. Versprochen.
Willi zieht kastriert, gechipt und geimpft ins neue Zuhause.
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©Tierschutzverein Brandenburg an der Havel e.V.
