Es ist zum verzweifeln ...

Über eine "verkorkste" Hündin - Ausgang ungewiss - von Anita Gommert

Am 28.07.2011 wurde uns das erste Mal gemeldet, dass "in der Gegend" des Deutschen Dorfes in Brandenburg seit 2 Tagen ein Jack Russel Terrier die Straßen hoch und runter liefe.

Da wir ganz in der Nähe wohnen, legten wir uns mit mehreren Anwohnern auf die Lauer. Tatsächlich: dort auf der Wiese vor Sonnenstudio und Tierarztpraxis lief eine Jack Russel Hündin - kein Halsband. Kam man näher, flüchtete sie in Panik.
Es war einfach kein Rankommen an das offensichtlich verängstigte Tier.

Ganze vier Stunden, ausgerüstet mit Keschern, Decken und zu sechst versuchten wir, die Maus irgendwie zu fangen - vergeblich. Sie war einfach schneller. Abends gegen 22 Uhr dann der Supergau: es knallte. Die Hündin war in ein Auto gelaufen. Niemand hat es gesehen, nur gehört. Bis 22:30 Uhr suchten wir die umliegenden Büsche und Kellereingänge mit Taschenlampen nach ihr ab - keine Spur.
Frustriert gaben wir auf. Auch am nächsten Tag gab es keine Meldung und keine Spur.

Am 30.07.2011 klingelte die Feuerwehr Brandenburg am Tierheimtor. Wir konnten es nicht fassen! Da saß sie!
"Unsere" Jack Russel Hündin war bis in den Stadtteil Nord gelaufen, hatte sich dort einem älteren Mann samt Hund angeschlossen und war mit ihm in die Wohnung gegangen. Dort wachte sie dann auf und entsann sich ihrer Angst und Scheu - er rief die Feuerwehr.
Die Kameraden hatten zu tun, den kleinen Hund hinter Schränken und unter Tischen hervorzukriegen ... schlussendlich gelang es, die um sich beißende Hündin in den Käfig und ins Auto zu verfrachten.

Da standen wir nun, schauten ratlos auf die zitternde Hündin, die jedoch vom Autounfall nicht verletzt zu sein schien. Auch die Berichte der "todesmutigen" Feuerwehrleute machten uns nicht gerade Mut.

Samt Käfig wurde die Kleine ersteinmal in eine Futterküche gesetzt, das Tierheim war voll!! Aus dem Käfig gelassen, verkroch sich die Hündin in der hintersten Ecke und schnappte sofort, wenn man auch nur daran dachte, sie zu berühren. Was tun??

Wir zerbrachen uns alle Köpfe, setzen Hunde um, brachten Gruppen neu zusammen und schufen so genau einen freien Raum: den "Jack Russel Knast".
Das sich die Maus weder anfassen nocht beruhigen ließ, setzten wir sie per Hundebox (sie suchte darin Zuflucht) in diesen extra Raum, der normalerweise als Quarantänestube für Katzen genutzt wird. Wir nannten die kleine Hündin "Milka" und hofften, dass sie sich beruhigte - vergebens. Sie versuchte in Panik die Wände hochzuspringen, raste im Raum im Kreis ... wir ließen sie in Ruhe und löschten das Licht.
Auch am nächsten Tag keine Besserung. Es regierte die nackte Panik. Sicherlich werden nicht nur wir versucht haben, die Hündin zu fangen. Sie muss schreckliches erlebt haben, wurde vielleicht mit Steinen beworfen ... niemand weiß, woher sie kam ...

Taktik? Hunger. Wir begannen damit, ihr nur dann Futter anzubieten, wenn ein Pfleger mit im Raum war. Nach zwei Tagen Hungerstreik war das Loch im Bauch dann aber so groß, dass Milka im Beisein von Tierpfleger Nico das erste Mal fraß - positive Bestärkung.
Weiter zwei Tage später duldete sie auch mich - ihre "Hetzerin" - im Raum. Erfolgreich konnten wir Milka sogar entwurmen ... doch mehr ging nicht.
Heute am 06.08.2011 ist die Hündin auf den Tag genau eine Woche bei uns und dies soll ihr Tagebuch werden.

06.08.2011
Milka zeigte beim Anblick der Kamera die bekannte Panik. Nur hinter der Sicherheit ihres Körbchens blieb sie kurz stehen um anschließend weiter panisch im Kreise zu rennen. Ich ließ sie in Ruhe.
Es stört mich sehr, dass Milka seit 7 Tagen keine Sonne mehr sehen durfte. Wir können sie aber nicht raus lassen, sie kommt ja nicht wieder. Solange sie keine Berührungen duldet, kein Halsband und keine Leine - muss sie wohl oder übel in ihrem "Knast" bleiben.
Leider fehlt uns einfach auch die Zeit, uns länger bei ihr hinzusetzen und ihr so zu zeigen, dass wir nichts böses wollen. Es müssen eben noch über 80 weitere Hunde und kanpp 90 Katzen versorgt werden ... ich bin ratlos - aber nicht hoffnungslos.

07.08.2011
Heute habe ich versucht, mit Milka einen kleinen Schritt weiter zu gehen. Ich habe mich auf einen kleinen Kasten gesetzt und die Futterschale direkt neben mich gestellt. Nach 15 Minuten Handyspielen und totalem Ignorieren gab ich dann auf. Milka wagte sich nicht heran.
Vermutlich stressbedingt hat die Maus über Nacht eine Bindehautentzündung am linken Auge entwickelt. Bereits gestern hatte ich so etwas geahnt, denn sie zwinkerte gestern schon leicht ... eigentlich bräuchte sie jetzt Augensalbe ... leider nicht machbar.

08.08.2011
Auch heute gibt es nicht sehr viel zu berichten, Milka denkt nicht an Annäherung. Auch Futter nahm sie nicht. Wir werden uns jetzt eines Tricks bedienen (danke Frau Schönefeld!).
Wir werden einen ausgestopften Handschuh an eine Stange binden und so versuchen, Milka (wieder neu) an die menschliche Hand zu gewöhnen. Nun fehlt uns nur noch ein passender Handschuh ... aber der wird sich finden lassen.

13.08.2011
Absolut keine Verbesserung bei Milka. Die Sache mit dem Handschuh am Stock verursachte nur mehr Panik - durch den Stock eben. Die Maus muss einiges erlebt haben. Langsam sind wir ein wenig am verzweifeln, werden uns jedoch weiter um eine zufriedenstellende Lösung kümmern - Danke für den Tipp, Frau Biener!

20.08.2011
Gestern hat Milka quasi Quantensprünge gemacht. Nachdem ich ihren Raum gereinigt hatte und sie das Futter in der gewohnten gierigen Art und Weise verschlungen hatte, wollte ich einen kleinen Test versuchen.
Getrocknete Pansenstangen klein geschnitten - auf den Boden gesetzt - ein kleines Stück neben mir auf den Boden gelegt - die Hand direkt daneben und warten ... Milka holte sich die Pansenstückchen!!! Sie fraß sie zwar im Laufen, aber sie wagte sich direkt neben meine "böse" Hand. Kein Knurren, kein Schnappen - nix. Diese Steigerung sollte ausbaufähig sein ... :-)

23.08.2011
Am kommenden Donnerstag hat Milka ihren Kastrationstermin. Uns sind immer wieder "komische Flecken" im Raum aufgefallen, Milkas Geruch wurde in den letzten Tagen immer säuerlicher ... Diagnose aus der Entfernung: Gebärmuttervereiterung. Schnellstmöglich muss die Hündin nun kastriert werden, denn sie könnte sonst daran sterben. Eine nähere Untersuchung durch die TÄ ist ja nicht einfach so möglich, also werden wir Milka am Donnerstag mit heute verschriebenen Beruhigungstabletten müde machen. Anschließend fährt sie zum Tierarzt und wird kastriert, gleich gechippt und wir erfahren endlich, wie alt die Maus ist. Hoffentlich ist die Vereiterung nicht so extrem fortgeschritten, bei mancher OP platzt solch eine vereiterte Gebärmutter auch schon mal ...
Mit leichten Bauchschmerzen denke ich auch an die Genesung: Was wird sie zum notwendigen Halskragen sagen? Wird sie die Antibiotika nehmen? Ist ihr panisches Verhalten gar auf ihre Bauchschmerzen zurückzuführen? Wir werden sehen ...

26.08.2011
Gestern sollte Milka nun operiert werden. Die Tabletten verfehlten ihre Wirkung vollkommen, lediglich etwas taumelig wurde die kleine Hündin. Also mussten mein Kollege Herr Günther und ich mit Decken und dicken Handschuhen ausgerüstet, das wenige Grundvertrauen, das Milka entwickelt hatte wieder zerstören.
Bis wir die leicht benommene Milka im Käfig hatten, verging jedoch etwas Zeit, aber es gelang - keine Verletzungen auf beiden Seiten.
Sofort fuhr ich mit Milka anschließend in die Praxis. Dort bekam sie vorsichtig ein sehr niedrig dosiertes Narkosemittel, denn sie hatte ja schon die Tabletten intus. Leider dauerte es insgesamt noch eine dreiviertel Stunde und mehrere Nachdosierungen, ehe die kleine Hündin endlich schlief - die Stresshormone sorgten übrigens für die Schlafverweigerung und von denen hat sie ja jede Menge.
Die OP verlief gut, alles wurde entfernt und es traten keine Komplikationen auf. Noch in Narkose bekam sie einen Mikrochip und ihren Halskragen angepasst. Anschließend durfte ich sie wieder mitnehmen.
Im Tierheim angekommen, versuchte Milka sofort wieder, die Flucht zu ergreifen, was ihr natürlich nicht gelang - die Narkose wirkte noch.

Wie befürchtet bereitet(e) ihr der Halskragen größten Stress, sie versucht ihn ständig abzustreifen ... ich hoffe, dass sie sich besinnt und ihn duldet. Nun müssen wir 10 Tage zittern. Wird Milka den Kragen akzeptieren?
Die Tablette (Antibiotikum) nahm sie mit dem Futter problemlos. Ürbigens: Unsere Tierärztin schätzt Milka anhand der Zähne auf etwa 6 Jahre.

28.08.2011
Bereits am Freitag begann Milka durch laufen gegen die Heizung und ihren Korb, den Halskragen zu bearbeiten. Da er sich leicht öffnete, entschieden wir uns, ihn notdürftig zu reparieren.
Da wir - leider - schon etwas Übung beim Fangen der Hündin haben, war sie schnell festgesetzt. Ich hielt sie mit dicken Handschuhen geschützt an den Schultern fest.
Person 2 versuchte, den sich öffnenden Halskragen wieder zu zu schieben und das Ganze mit Klebeband zu fixieren. Sah erstmal gut aus. Milka wehrte sich nicht, ließ es über sich ergehen.
LEIDER löste sich bereits abends dieses besch... Klebeband wieder ab. Jeden Tag schauen wir mit Grausen durchs Türfenster und stellen erleichtert fest: der Kragen ist zwar nicht sonderlich fest, aber immerhin noch dran ... rein theoretisch muss er "nur" bis kommenden Donnerstag halten, dann ist die Wunde soweit zugeheilt, dass eigentlich nichts mehr passieren sollte, wenn Milka wirklich dran käme ... soviel zur Theorie ...

Ihre Bindehautentzündung am Auge wird durch die Antibiotika auch endlich besser. Wir sind darüber wirklich froh. Hier noch ein Foto von Milka - fotografiert durch die Tür wohlbemerkt!

Das Auge ist wirklich besser, auch wenns auf den ersten Blick nicht so aussieht. Milka bräuchte eigentlich zusätzlich Augensalbe ...
Aber ich denke, man sieht ihr an, dass sie sich etwas entspannt ... sie schaut aufmerksam gen Tür - nicht mehr so extrem panisch wie anfangs. Milka hat sogar ein wenig Neugierde entwickelt ... :-)

03.09.2011
Milka ist heute abend ihren Halskragen los geworden. Wieder mit Hilfe von Decke und dicken Handschuhen und zwei Personen. Die Bauchwunde sieht sehr gut aus, ist trocken und nur noch ganz leicht geschwollen. Milka hat also alles überstanden - ist wehrhafter denn je.
Nun werden wir ihr noch ein paar Tage Zeit geben und zwischenzeitlich einen Freund für sie suchen ...

10.09.2011
Ich weiß, dass alle warten ... leider nichts Positives von Milka. Wir finden auch keinen Kumpel für sie, unsere Rüden sind entweder zu groß, zu wild oder zu unsicher für Milka.
Durch die Fangaktionen hat sie natürlich ihr Grundvertrauen in uns - insbesondere in mich - verloren, mittlerweile setzt sie wieder panisch rennend Kot ab, wenn man den Raum betritt ...
Ich wünsche mir nie, dass neue Hunde ins Heim kommen, aber in diesem Falle: wir brauchen einen kleineren, verträglichen, wesensfesten Rüden!!!

Und: Nein, dies wird kein Privathund sein, so gut wie manch Hundehalter es auch meinen mag.

Cooper soll es richten ... :-)

15.09.2011
Heute war es nun soweit, uns hats gereicht! Milka ergibt sich nach wie vor in ihrer Angst ... wir haben heut beschlossen, sie mit Cooper zu vergesellschaften. Der 2jährige Terriermischling war uns eigentlich zu lebhaft aber einen Versuch ist es ja wert ... und so lief es:

Wer bitte bist du?!

Soll der wirklich hier bleiben?

Nimmst du mich mit raus?

Milkas Auge macht uns immer noch Sorgen, doch die Augensalbe bekommen wir ja nicht rein. Die Zusammenführung mit Cooper lief erstmal nicht schlecht. Wir haben die geheime Hoffnung, dass Milka irgendwann begreift "die tun ihm nix, dann tun die mir vielleicht auch nix" ... zumindest hat sie interessiert beobachtet, wie sich Cooper von mir den Hintern kraulen ließ.
Cooper hat zwar ein wenig verdutzt aus der Wäsche geschaut, als ich die Tür hinter mir schloss und er drin blieb ... ich hoffe, sie freunden sich an. Der Anfang ist gemacht!

Der Abschied ...

Am 21.09.2011 zog Milka in die Buddhistische Klosterschule Ganden Tashi Choeling nach Päwesin. Wie kams?

Auf der verzweifelten Suche nach Hilfe für Milka kontaktierten wir auch die Hundeschule "Kumpane" in Deetz. Die Hundetrainerin Frau Nowakowski stellte schließlich den Kontakt zu der Klosterleitung und den Mönchen der Klosterschule her. Nach deren internen Beratung, kam am Dienstag Milkas neues Frauchen Lhamo vorbei, um sie erstmals zu besuchen.
Ich ging mit ihr in Milkas Stube, wir hockten uns hin und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: statt wie üblich panisch im Kreis zu rennen, kam Milka heran und schnupperte an der Hand der ihr völlig fremden Frau.
Ich war positiv schockiert. Mein Respekt vor dieser Frau wuchs zusehends.
Im folgenden Gespräch erzählte sie mir von den Hunden, die sie und die anderen Mönche und Nonnen schon wieder zu normalen Hunden gemacht hatten ... ich war beeindruckt.

Am Mittwoch rückte Lhamo dann zur Abholung an. Die wackelige Transportbox aus Stoff machte mir nicht gerade Mut. Doch ich wurde nochmals eines besseren belehrt. Wir brauchten weder Handschuhe, noch vier Mann oder Gewalt ... Milka stieg nach 4 Fehlversuchen von ganz allein in die Box und wartete sogar, bis Lhamo den Reißverschluss zu hatte. Milka war ruhig!!

Sie trug den Hund ins Auto und fuhr davon. Nicht nur bei mir hinterließ Lhamo einen bleibenden Eindruck. Alle Tierpfleger waren erstaunt, wie schnell und vor allem wie schnell und ruhig Milka "eingepackt" war ...

Die erste Nachricht aus Milkas neuem Zuhause kam auch schon: nach ihrer Ankunft ließen sie Milka im Klostergarten aus der Box. Sie hatten ihr eine Spur ins Haus gelegt, doch Milka entschied sich dafür, draußen zu bleiben.
Mit Hilfe der anderen dort lebenden Hunde (derzeit 13) kamen die Mönche und Nonnen so nah an Milka heran, dass sie sie auf den Arm nehmen konnten - ja, AUF DEN ARM!! Und Milka hat "nur ganz wenig gebissen" ...
Sie konnten ihr sogar ein Halsband umlegen - mir fehlten am Telefon einfach die Worte. Unsere bissige, panische Milka trug nach nicht einmal 2 Tagen ein Halsband ...

Wir wollen uns auf diesem Wege herzlich bei den Mönchen und Nonnen der Buddhistischen Klosterschule Ganden Tashi Choeling bedanken.

Ohne ihren Einsatz, hätte Milka wahrscheinlich noch Monate in ihrem "Knast" gesessen ... vielen Dank!!!! Wir werden weiter berichten, wenn es neues gibt ...

07.10.2011
Es gibt Nachrichten von Milka, die jetzt Emma heißt. Emma hat sich erstaunlich gut eingelebt, die Informationen sprengen fast den Verstand, aber:

  • Emma lebt mit einer zweiten Hündin zusammen, die sie unter ihre Fittiche genommen hat und sie beschützt
  • Emma ist stubenrein
  • Emma geht an der Leine
  • Emma SCHLÄFT IM BETT

Fassungslosigkeit und Glücksgefühle gleichzeitig!! Es war das beste, was der kleinen Jack Russelhündin passieren konnte. Wir sind alle so dermaßen froh ... man kann es nicht in Worte fassen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!