Warum unsere Tiervermittlung so ist, wie sie ist

Gedanken von Claudia Vogel

Unsere Gesellschaft ist heutzutage nicht nur sehr schnelllebig, sondern zudem auch sehr auf optische Eindrücke geprägt. Gut ist alles, was hip und modern ist. Schönheit ist die halbe Miete, erst recht mit den richtigen Accessoires. Unsere Wertevorstellungen befinden sich im Wandel und leider machen sie auch vor dem Geschöpf Tier nicht halt. Sei es der kleine Chihuahua in der pink farbenden Handtasche, die Rassekatze mit zahlreichen sogenannten Schönheitstiteln, der unüberlegt angeschaffte Hundewelpe oder die Haltung sogenannter Exoten.


Wie aber wird im Tierheim mit diesem Thema umgegangen?  Zu jedem Vermittlungstag besuchen uns Menschen mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen, Werten und Einstellungen. Zugegeben ist es auch für uns nicht immer leicht auf alle zufriedenstellend einzugehen und manchmal verlassen die Menschen das Tierheim auch ohne Tier. Es ist schon ein schwieriges Unterfangen es jedem Recht zu machen. Konflikte sind geradezu menschlich.
Womit aber setzen wir uns nun eigentlich auseinander? Grundsätzlich versuchen wir mit den Menschen zunächst ins Gespräch zu kommen, d. h. wir finden gemeinsam heraus, was grundsätzlich gesucht wird, wie das Tier gehalten und bei Hunden, ausgelastet wird, wie viel Erfahrung vorhanden ist. Im Anschluss werden aus unserer Sicht passende Tiere vorgestellt. Ja richtig, passende Tiere aus Sicht der Tierheimangestellten.

 

Sie sehen hier einen ersten Konfliktpunkt. Manche Interessenten möchten grundsätzlich alle Tiere sehen (unter Umständen 120 Katzen, 85 Hunde), was von uns kategorisch abgelehnt wird! Wir kennen unsere Tiere und wir werden bspw. keinen unsicheren Angstbeißer aufgrund seiner Niedlichkeit zu einer Familie mit Kindern oder aber den Beaglewelpen zu gesundheitlich eingeschränkten Menschen vermitteln. An dieser Stelle wird uns manchmal auch unterstellt, dass wir unsere Tiere schlecht reden, es wird unsere Einschätzung der Tiere in Frage gestellt oder aber es wird uns vorgeworfen, dass wir den Interessenten ihren Erfahrungsschatz absprechen.

Im Klartext: Wie soll denn im Tierheim eingeschätzt werden, welchen Charakter ein Hund hat? Ob die Katze Freigänger ist? Dass der Hund nicht allein bleiben kann?
GANZ EINFACH, wir erleben unsere Tiere täglich vollumfänglich. Sie bauen eine Bindung zu uns auf oder aber wir kennen durch die Behörden und in wenigen Einzelfällen, durch die ehemaligen Besitzer, die Vorgeschichte des Tieres.
Wir erleben gerade zu Beginn des Tierheimaufenthaltes, wenn Bello und Miez eine Zeit lang isoliert in Quarantäne leben müssen, das Klagelied, die Zerstörungswut, die Futterverweigerung, das fiepen, bellen und miauen. Bellt ein Hund bspw. in dieser Phase kontinuierlich ohne Pause und ist zudem später absolut auf seine Artgenossen geprägt, geht keinen Schritt ohne sie, so ist dies ein Anzeichen für ein klares Problem mit dem Alleinsein. Dies ist nur ein Beispiel von vielen. 

Zudem kann gerade bei Hunden davon ausgegangen werden, dass diese meist ausgesetzt wurden, weil Herrchen und Frauchen nicht mit ihnen zurechtkamen. Sie wurden schlichtweg unüberlegt angeschafft, vielleicht weil sie irgendwann einmal niedlich waren, man mit ihnen angeben konnte bis der kleine süße Welpe irgendwann größer und nicht mehr ganz so niedlich war. Die Anschaffung eines Tieres ist wohl zu überlegen und keinesfalls von Schönheitsidealen abhängig zu machen. Rasse und Charakter des Tieres, insbesondere bei Hunden, muss zum jeweiligen Menschen passen.


Ein weiterer Aspekt ist, dass uns vereinzelt sogar vorgeworfen wurde, dass Tiere auf den Fotos der Internetseite viel hübscher sind als in der Realität. Oder aber umgekehrt, soll ich mir das Tier etwa aus dem Internet aussuchen? Nein!!! Unser Internetauftritt dient dazu, das Tierheim und seine Bewohner vorzustellen, evtl. eine Vorauswahl zu treffen und sich über Vermittlungsbedingungen zu informieren. Unsere Tiere sind keine Katalogware! Für uns ist jedes Tier schön, so wie es ist. Haben Sie nicht auch ein besonders gut gelungenes Foto von sich selbst? Haben nicht auch wir unsere Problemzonen? Macht uns dies mehr oder weniger liebenswert? Es ist der Egoismus der Menschen der sie denken lässt, sie wären Herr aller Dinge, der beratungsresistent macht und der ein Tier zum Accessoire werden lässt.


Wir Tierpfleger sind nicht perfekt, aber stets bemüht unsere Fürsorgepflicht für unsere Schützlinge zu erfüllen. Und all jenen, die uns unterstellen, dass wir unsere Tiere nicht „loswerden“ wollen, sei gewiss: SIE haben RECHT. Denn, wir wollen unsere SCHÜTZLINGE verantwortungsbewusst vermitteln. Jene Verantwortung übernehmen, die sie bisher nicht erfahren durften. Bei uns kauft man keine Tiere, auch sucht man sich kein Tier wie in einem Kataloghaus aus und schon gar nicht aufgrund optischer Belange. Bei uns bewirbt man sich um ein passendes FAMILIENMITGLIED und übernimmt mit der Zahlung der Schutzgebühr auch die Verantwortung!


Wir danken an dieser Stelle all jenen die uns ihr Vertrauen schenkten, sich beraten ließen und mit uns gemeinsam ihr neues Familienmitglied suchten. Die optische Vorstellungen hinten anstellten und auch das ein oder andere kritische Wort mit uns austauschten. All jenen die sich Zeit genommen haben, uns mehrfach zu besuchen, die vorgesehenen drei Gassirunden zu absolvieren und ihre Fragen zu stellen. Denjenigen die Vorurteile ablegten und sich selbst ein Bild machten. Die sich eines Besseren belehren ließen und mit Verantwortungsbewusstsein, Intelligenz und der nötigen Portion Ruhe an die Tier-Adoption heran gingen. Sowie den Menschen, für die wir in dem Moment kein passendes Tier hatten für ihr Verständnis und den Austausch der Kontaktdaten.


Wir sagen vielen Dank für 392 vermittelte Katzen, 194 vermittelte Hunde sowie 116 vermittelte Kleintiere wie Vögel, Kaninchen, Mäuse und Meerschweinchen (im Zeitraum 2009 bis 1. Halbjahr 2011) bei einer Kapazität von durchschnittlich 100 Katzen, 75 Hunden und 10 Kleintieren.